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Zuckmayer und der Schinderhannes |
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| Filmplakat |
»So
arbeitete ich an meinem nächsten Stück, obwohl der Entwurf und die ersten
Szenen mir fast zugeflogen waren, ein ganzes Jahr. Das Glück, das mir die
materielle Unabhängigkeit in den Schoß geworfen hatte, mußte erobert werden.
Saltenburg, der eine Option auf das neue Stück hatte, und der Verlag drängten
mich: nach einem solchen Durchbruch müsse man rasch nachstoßen! Aber ich
konnte nun einfach, selbst wenn ich es gewollt hätte, nichts Rasches und
Halbfertiges aus mir herausholen. Was ,Routine' ist, weiß ich noch heute nicht.
Ich stehe mit jeder Arbeit vor einem neuen Beginn. Auch bin ich im
Tierkreiszeichen des Steinbocks geboren: man sagt, ,Steinböcke' seien langsam,
aber hartnäckig - ein gutes Gegengewicht gegen den mir gemäßeren Leichtsinn.
Ich meißelte am Stoff meines ,Schinderhannes' herum - wohl wissend, daß ich
mich mit meiner Hinwendung zum Volkston, auch zum Gefühl als einem legitimen
Medium des Theaters, auf einen gefährlichen Weg begeben hatte abseits von jeder
als zeitgemäß anerkannten, literarischen Richtung.
Doch war mir kein anderer gangbar, und ich war zutiefst überzeugt,
auf der für mich richtigen Fährte zu sein.
Im Herbst 1927 sah ich in den
Schluß zenen des ,Schinderhannes' die Leute weinen, wie sie im ,Fröhlichen
Weinberg ,gelacht hatten.
Aber es war kein rührseliges Heulen, es war Erschütterung: durch die
unbeschreiblich lebenswarme, zarte, sublime, und gerade im stillen Ausdruck
rampensprengende Kunst der Schauspielerin Käthe Dorsch. Von ihr ging all das
aus, und durch sie wurde alles erfüllt, was mir von einer Menschengestalt auf
dem Theater vorgeschwebt hatte - ihr Spiel war Volkslied und Kunstmusik
zugleich, unwiderstehlich in Einfalt und Virtuosität. Dazu kam ein fraulicher
Liebreiz, der sich mit einem Pandmonium an Temperament und Theaterblut verband.
Ich weiß keine heutige Schauspielerin, mit der man sie vergleichen könnte. Die
Arbeit mit ihr auf den Proben war anfangs schwierig, sie schaute mißtrauisch
aus kurzsichtigen Augen, schien gehemmt und bockig. Sie wollte nicht überzeugt,
sie wollte erobert werden, dann gab sie sich hin, mit einer vehementen, rückhaltlosen
Leidenschaft.
Eugen Klöpfer, der erste
,Johannes Bückler', war damals auf der Höhe seiner männlichen und künstlerischen
Vollnatur. Schon durch dieses Darsteller-Paar war der Berliner Erfolg gesichert
- bald ging das Stück über alle größeren deutschen Bühnen.«
Carl Zuckmayer
(aus: »Als wär s' ein
Stück von mir« S.Fischer Verlag Frankfurt)